PRAWNO APPAREL – Design mit Tiefgang

08 Mrz, 2013

“Eine der größten Umstellungen für uns, wenn wir wieder in die Erste Welt zurückgehen, sind die Klamotten – der Druck sich wieder passend anzuziehen, dann noch dieses ganze Urban Fashion Zeug und so – Ich glaube ich muss da mal was mit machen..”

Ich kann Lia grade nicht ins Gesicht blicken – es ist Frühstück am 03. Mai 2012 und der erste Sturm der Monsoonsaison hat uns an der (halbwegs) geschützten Ostseite der Similan Inseln festgesetzt. Immer noch 1,5 meter Wellen in der Bucht, der Wind speit Regenwasser zielsicher vom Sonnendeck auf mein karges Mahl und ich bin zu sehr damit beschäftigt meine Ernährung Regenwasserarm zu gestalten. Die Saison ist vorbei, in wenigen Stunden wird der Kapitän mit uns die stundenlange Fahrt durch den Sturm ans Festland antreten. Wir haben hier fertig und da ist es natürlich, dass die Gedanken innerhalb der Crew nun schwer ums Danach kreisen. Die Zivilisation schickt ihre dunklen Schatten in Gedanken an das was sie dort Sommer nennen vorraus.. “Socken!” erwidere ich beim Anblick meiner Rührei-Regenwassersuppe “Ich bin mittlerweile allergisch gegen Socken, ich kann daher nicht zurückgehen und muss hierbleiben – das schlimmste an Socken ist doch, dass damit meist noch geschlossenenes Schuhwerk einhergeht..”

“Du weist doch wie das zu Hause ist..”

fährt sie fort ohne meiner Allergie das gebotene Mitleid zu zollen

“..jeder möchte mit seinen Klamotten etwas darstellen, herausragen, Einzigartigkeit und Stil zeigen. Ich natürlich auch und Du doch auch – im Grunde jeder von uns. Nur ist dieses Urban Style Ding einfach nicht mehr unser Level, nicht mehr unser Ding, davon sind wir zuweit weg. Wir werden doch immer davon inspiriert was wir tagtäglich sehen – und das wollen wir auch repräsentieren. Es gibt momentan nichts was uns (sie meint die junge professionelle Tauchszene) repräsentiert und womit ich auch in nem Club in Manhatten cool aussehe..”

Ich bekomme so langsam den Eindruck, dass sie da wirklich etwas ausbrütet, wer also ist diese Lia Barret:

Als koreanisches Adoptivkind in die USA steht ihr einerseits die Welt offen, andererseits hat sie mit der Dynastiementalität ihrer Eltern zu kämpfen. Aufgewachsen und studiert in New York und Melbourne entschliesst sie sich anfang 20 mit abgebrochenem Studium ihrem Elternhaus vorerst den Rücken zu kehren und sich der Unterwasserfotografie zu widmen. Sie erklärt den tropischen Teil der Welt zu ihrem Spiel- & Arbeitsplatz und spielt ihre Vorzüge clever aus. Sie hat starke Bindungen zu Freunden aus Schul und Studienzeit, mit ihrer Familie hält sie Kontakt. Wichtig ist ihr ihren eigenen Weg zu machen – anstatt Papi nach Geld für eine Kamera zu fragen, geht sie persönlich zu Canon und verhandelt über ein Sponsoring. Ihre Fertigkeiten im Wasser mit der Kamera, ihre Lebensfreude, Motivation und nicht zuletzt ihr Aussehen qualifiziert sie als Fotograf auf die besten Boote in der Tauchindustrie – sie heuert lieber auf billigen Backpackerbooten an: “..da sind interessantere Leute an Bord, ausserdem kann man da gepflegter einen durchziehen und dreckige Schimpfwörter in allen Sprachen lernen” – das ist Lia.

Nachdem sie im Mai 2012 die Similans verließ ging sie für einige Monate nach Indonesien bis ihr Drang das eigene Modelabel aufzuziehen überhand nahm und sie sich ausschliesslich darauf konzentrierte.

Prawno Apparel – Kleidung für Betoninseln inspiriert vom Ozean

Die Artenvielfalt an tropischen Korallenriffen resultiert paradoxerweise aus Nährstoffarmut. Wo viele Nährstoffe vorhanden sind, finden wir große Herden, Schwärme und Gruppen von Tieren der gleichen Art z.B: Sardinenschwärme im Kaltwasser, Rinderherden in Afrika, riesige Vogelschwärme an den Küsten Europas und Amerikas. Im nährstoffarmen tropischen Flachwasser sehen wir eher unzählige verschiedene Arten mit jeweils kleinen Populationen, die extrem angepasst Nischen besetzen und durch Evolution schier unglaubliche Formen- und Artenvielfalt zeigen.

“Alle moderne Kunst und Graffiti zusammengenommen verblasst gegen die Formen- und Farbenvielfalt von einem einzigen Quadratmeter Korallenriff”

Das ist die grundlegende Idee hinter den Designs von Prawno Apparel, die Inspirationsvorlagen sind unerschöpflich und kaum bearbeitet in den Designszenen der Ersten Welt. Nun ist die faire Herstellung von Kleidung ein großes Thema in diesem Zusammenhang – Schreckensnachrichten über Textilproduktionstätten von coolen Klammotten für Berlin-Paris-New York-Tokio sind hier in Südost-Asien an der Tagesordnung. Lia und ihre Freunde möchten unter allen Umständen einen Produktionsstandort finden der Fairness, Qualität und Transparenz bietet.

Es beginnt in Bogotá

Zusammen mit Claudia Wilcher, ihrer besten Schulfreundin mittlerweile wohnhaft in Bogotá / Kolumbien, startete sie im Februar 2013 den offiziellen Gründungsprozess und begann mit dem Prototypendesign. Durch die Fair-Trade Historie von Kolumbien bietet Bogotá die optimalen Vorraussetzungen für den Produktionsstandort und die beiden jungen Frauen waren überwältigt von der Professionalität ihrer dortigen Produktionspartner. Qualitätstoffe aus den Anden, schwermetallfreie Farben, fair bezahlte Mitarbeiter und eine gute Infrastruktur aus westlichem Marketing Know-How unterstützen die noch etwas idealistischen Jungen Frauen beim Gründungsprozess – Lia ließ in dieser Zeit oft verlautbaren, dass alles etwas ermüdend und anstrengend ist – und daß sie sich nun in großer Hektik mit Sorgen und Problemen beschäftigen muß, die weit weg von ihren normalen Problemen (Luftversorgung, Strömungen und Lichteinfall) gelagert sind. In unzähligen Meetings und Coaching-Sitzungen wird die Idee verfeinert und eine Episode aus Lias Leben beginnt eine immer größere Rolle zu spielen.

Inspiration aus der Tiefe

In 2008 war Lia mit dem U-Boot Hersteller Karl Stanley auf mehreren Tauchfahrten bis auf 1000 Meter Tiefe vor der Küste Honduras hinabgestiegen. Ihre Aufgabe war die fotografische Dokumentation der Gegend dort. Die Eindrücke fasst Lia in eigenen Worten wie folgt zusammen:

“It was on these dives that I really started to notice the contours, colors, and details in marine life.  Because I had already been diving for a decade, I had naturally seen such elements through my previous dives and later in editing my photographs, but incidentally, it was the nature of the environment and conditions that really made the physiology of the animals stand out.  Light becomes less and less the deeper you go, and is subsequently pitch black from about 1000 feet downwards.  Life is scarce, so for me, visually, I was able to focus on one creature at a time up against a black backdrop, without a symphony of life and color billowing in the background distracting me.”

In kreativer Teamarbeit wird klar, dass diese Eindrücke noch mehr potential für frisches Design bieten, als die allseitsbekannten Flachwasseransichten – weiter:

 

“I began mentally visualizing designs that mimic deep sea coral, which in my mind, looked like something out of a Dr. Seuss book.  From other photographs taken at all depths, I began isolating spots, scale patterns, eyes, gills, etc., and combined them into new graphic conglomerations, which I thought would be suitable for t-shirt designs.  Then I began observing the functionality of the physiology, and thought it might be interesting to incorporate those elements directly into garments themselves. “

In ihren Mitteilungen aus Bogotá läßt sich herauslesen, wiesehr ihr der professionalisierte Designprozess manchmal auf den Keks geht und dass sie es nicht gewohnt ist stundenlange Kreativ- & Feedbacksitzungen durchzustehen aber sie weis, dass es nötig ist – eine Nachricht von ihr bringt es auf den Punkt:

“In der Oberstufe fassten Claudia und Ich den Plan in Zukunft die Welt zu beherrschen, jetzt machen wir erstmal T-Shirts und Sweater – Ich bin der festen Überzeugung die Weltherrschschaft zu erringen wird nicht so kompliziert wie das hier..”

Jetzt geht’s los

Nun haben Sie es geschafft, die erste Produktlinie steht und der Prozess für die weiteren Designs ist klar. Am Anfang stehen immer die Hauptmerkmale von populären und bekannten Tieren, wie z.B. dieser Nacktschnecke. In einem Team aus Designern werden die Grundfarben und Elemente mit denen von Anderen Verknüpft, um etwas neues und Einzigartiges entstehen zu lassen.

Lia und ihr Team sind nun mit der kompletten ersten Produktion auf dem Weg nach North Carolina, dem neuen offiziellen Hauptsitz von Prawno Apparel und haben heute die zugehörige website prawnoapparel.com glauncht.

Im nächsten Schritt werden Sweater und Kleider produziert, die auf Drucke verzichten und nur über Form und Farbe funktionieren, wie dieses Kleid von Claudia

oder der äusserst nützliche Kaputzensweater für Frauen (siehe oben) – der perfekte Aufwärmer nach jedem Tauchgang. Momentan findet sich im Onlinestore nur die allererste T-Shirt Kollektion und auf meine Nachfrage, ob diese auch weltweit erhältlich sein werde bekam ich die Antwort “Falls wir die Versandkosten recherchiert haben, bevor der erste Stock ausverkauft ist..”

Ich wünsche Prawno Apparel, Lia und Claudia alles Gute für die Zukunft mit ihren Ideen und Produkten. In ihrem Onlineshop kann man auch ausgewählte Drucke von Lias Fotografien erwerben, wer sich über Facebook verbunden fühlen möchte, kann das auf https://www.facebook.com/prawnoapparel machen.

Obwohl sich Prawno Apparel in erster Linie an weltreisende Tauchprofis richtet, hat die Idee potential sich auch in den Städten der zivilisierten Welt zu verbreiten – nicht zuletzt wegen der aufs erste sehr begrenzten Verfügbarkeit und damit hohem Exklusivitätsfaktor.

Wer an Lias Fotografien interessiert ist, kann sich liabarrettphotography.com genauer ansehen.

About the author

Chief

Der Chief ist Gründungsmitglied von feines Tier und lebt seit 2010 als Wirtschaftsflüchtling in Südost-Asien wo er eine Salatfarm betreibt.

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